Erasmus

Erasmus

Erasmus, Desiderius, von seinem Geburtsorte Rotterdam E. Roterodamus, von seinem Vater Gerhard auch Gerhard Gerhardssohn genannt, war der 1467 geb. natürliche und 14jähr. verwaiste Sohn unglücklicher Eltern und wurde in der Reformationszeit der persönliche, von Kaiser u. Königen gefeierte Mittelpunkt des schriftstellerischen Europa. Seine Werke u. Geschichte, seine Selbstbiographie und mehr als 2000 Briefe zeigen, daß Erlebnisse, dann die Eitelkeit u. Furchtsamkeit des Gelehrten mehr als der Mangel an religiöser Ueberzeugung ihn zuerst zu einem Beförderer der Reformation u. später zum unthätigen Gegner derselben machten, nachdem die Zeit vorüber war, wo man auf beiden Achseln Wasser tragen konnte. Seine erste Bildung erhielt E. zu Deventer u. durch den Humanisten Hegius, mußte alsdann 3 I. in der Klosterschule zu Herzogenbusch leben (»illic vixit, hoc est perdidit« sagt er von diesem Aufenthalte), und 1486 bei den regulierten Chorherren im Kloster Emaus bei Gouda eintreten. Sein ganzes Wesen widersprach dem Klosterleben, er rächte sich für den gezwungenen Eintritt durch treffliche Satiren und blieb so unversöhnlich, daß man ihn lange nachher für den Verfasser der »epistolae obscurorum virorum« hielt. Sein Ruhm blühte auf, die Gunst des Bischofs von Cambray befreite ihn aus dem Kloster u. brachte ihn an den bischöflichen Hof u. nach der Pariser Hochschule, die Zuneigung zweier reicher Engländer, namentlich des Lord William Montjoie, entriß ihn dem Elend des Colleges Montaigü u. der Geldnoth und brachte ihn nach England, wo er 1498–99 blieb u. den Thomas Morus kennen lernte. Auch bei Adolph von Burgund, für den er die Schrift: »de virtute amplectanda« und das »Enchiridion militis Christiani« schrieb, ging ihm sein Glückstern auf. Im J. 1506 sammelte E. in Italien Stoff zum »laus moriae«, wurde zu Turin Doctor der Theologie, fand 1507 zu Rom am kriegerischen Pomp des Papstes Julius II. wenig Gefallen, schlug die Stelle eines Pönitentiars aus, ließ in Venedig bei Manutius seine »Adagia« drucken und folgte dem Rufe Heinrichs VIII. nach England. Er wurde Professor der alten Sprachen und Theologie zu Cambridge, gewann Ansehen u. Geld genug, hob aber auch das wissenschaftliche Leben und durch Schulbücher das Schulwesen Englands. Der Ruf des Königs Karl (später Kaiser Karl V.) führte E. nach Brüssel 1516, und um wenigstens die Ernennung zum conciliarius zu rechtfertigen, schrieb er die berühmte »institutio principis christiani«. Die glänzendsten Anerbietungen bestimmten ihn nicht einmal zu London, Paris, Wien oder Ingolstadt bleibend zu wohnen, geschweige ein Amt anzunehmen, sondern er hielt sich seit 1521 meist zu Basel auf, wo Frobenius seine meisten Schriften verlegte. Er hatte das Mönchswesen vielfach mit Recht gegeißelt, aber auch über Ohrenbeichte, Kindertaufe, Ablaß, Heiligenverehrung u.a. seine Lauge ergossen; die Reformfreunde thaten Vieles, um ihn ganz zu sich hinüber zu ziehen, aber E. wollte keine kirchliche Revolution, sondern träumte von einem friedlichen Vereinigen der religiösen Parteien u. gegenseitigem Nachgeben. Erst 1524 trat er mit der Diatribe: »de libero arbitrio« gegen Luther auf, u. hatte ihn schon 1523 Hutten bitter gekränkt, so erfuhr er fortan von Luther und dessen Anhängern die bitterste Feindseligkeit. Dennoch schlug er alle Aufforderungen des Papstes u. anderer, entschieden gegen die Protestanten aufzutreten, aus und: »discerptus est ab utraque parte, dum utrique studet consulere« (von beiden Parteien zerzaust, indem er beiden rathen wollte). Von Basel trieb der Reformationslärm 1529 den E. nach Freiburg i. B., wo er ein noch heute in der Schiffgasse stehendes Haus kaufte, Ausgaben von Kirchenvätern besorgte und unter anderm den »Ecclesiastes sive concionator evangelicus« schrieb, dessen erste Auflage von 2600 Ex. in sehr kurzer Zeit vergriffen war. Ein Besuch in Basel ließ ihn hier 1536 den Tod finden, nachdem ihm Papst Clemens VII. noch die reiche Propstei Deventer und die Freunde ihm den Cardinalshut angeboten. – Gesammtausgaben von E. Schriften von B. Rhenanus, Basel 1540–41, 9 Fol., die vollständigste von Le Clerk, Lugdun Batav. 1702–6, 10 Fol. Das »Lob der Narrheit« und die »Colloquien« wurden bis heute oft übersetzt u. aufgelegt. – Vgl. Müller, Leben des E., Hamb. 1828, 8. Döllinger: die Reformation, Regensb. 1846, I.


http://www.zeno.org/Herder-1854.

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